Eulogia = Lob, gute oder schöne Sprache

Juni 29, 2026 | Trauerredner

Neulich hatte ich einen interessanten Fall, und ich mag es nicht, wenn ich sage „interessanter Fall”, denn jeder Fall ist interessant, darauf komme ich gleich zurĂŒck.

Neulich hatte ich einen ungewöhnlichen Fall. Ein Mann wurde 96, in den dreißiger Jahren ist er mit seiner Mutter aus Nazi-Deutschland in die USA immigriert, nach 80 Jahren kehrte er nach Deutschland zurĂŒck. Mit 93 heiratete er zum dritten Mal, die Braut war 87.

Auf den Fotos sieht man deutlich, die Liebe ist mit 93 so schön wie mit 23. Doch das ist eine andere Geschichte.
Eine seiner Töchter war aus den USA angereist und in diesem Zusammenhang hörte ich zum ersten Mal den Begriff „Eulogist”. Auf Englisch habe ich mich bislang als „funeral speaker” bezeichnet. Das ist sicher nicht falsch. Aber offenbar sagt man „Eulogist”, ein Begriff, den es auch im Deutschen gibt: „Eulogist”. 

Das Wort stammt aus dem Griechischen von „Eulogia” welches bedeutet „Lob; gute oder schöne Sprache“.

Der Eulogist ist also ein Lobredner.

Stimmt das, bin ich ein Lobredner? Ist das Loben mein GeschĂ€ft? Gehen wir diesem Wort auf den Grund, so landen wir beim althochdeutschen Lob, das fĂŒr „Anerkennung” steht. Damit bin ich einverstanden.

Das Gegenteil wÀre ja tadeln, in dieser Position bin ich ganz gewiss nicht. Es wÀre auch komplett sinnlos, da die Besserung, die VerhaltensÀnderung das Ziel des Tadels wÀre. Meine Kunden bessern sich nicht, sie verwesen.

Auch geht es nicht in erster Linie um den Lebenslauf. Meine Kunden bewerben sich nicht um einen Job, sie verwesen.

Anerkennung passt, darum geht es.

Mein nĂ€chste Rede war einer Frau gewidmet, die ebenfalls ĂŒber 90 wurde. Sie war so bescheiden, sie wollte ĂŒberhaupt kein Aufsehen erregen.

Dem letzten Willen gilt es zu respektieren und doch darf man in solchen FĂ€llen sanft und liebevoll widersprechen.

Wir wollen aufsehen und hinschauen. Diese Frau hatte viel erlebt, sie gehörte zur Minderheit der Schwarzmeer-Deutschen aus dem Oblast Odessa und hat viele Umsiedlungen und UmzĂŒge in ihrem Leben erlebt. Keiner davon war freiwillig.

Jedenfalls von jener Frau wurde mir der Satz ĂŒberliefert, dass sie ihr ganzes Leben GlĂŒck mit ihrer Nachbarschaft gehabt hĂ€tte. Also, dass sie immer gute Nachbarn hatte.

Es ist klar, was das bedeutet, oder? Sie war stets eine gute Nachbarin, sie bot ihr Leben lang den Menschen um sie herum eine gute Nachbarschaft an.
Ich habe auch erfahren, was das konkret heißt. Ihre TĂŒr war immer offen, man hat stets was zu Essen bekommen, sie konnte gut zuhören. Sie hat keine RatschlĂ€ge gegeben. Sie hat einfach zugehört.

Ist das so, dass der Tod ein Arschloch ist? Die Wortwahl ist nicht von mir, so lautet der Titel eines Dokumentarfilmes, den ich mir vor einiger Zeit im Kommunalen Kino in Esslingen angeschaut habe.

Im Pressetext heißt es:

 „In ihrem Dokumentarfilm begleiten Michael Schwarz und Alexander Griesser ein Berliner Beerdigungsinstitut bei der tĂ€glichen BeschĂ€ftigung mit dem Tod. Ein berĂŒhrendes, warmherziges PortrĂ€t wunderbarer Menschen und eine großartige Ode an die Feier des Lebens, die mit dem Tod nicht endet.”

Entsprechend hoch waren meine Erwartungen, nicht nur meine. Das Kino war ausverkauft. Der Regisseur und der Kameramann waren auch vor Ort und standen fĂŒr eine Diskussion nach dem Film zur VerfĂŒgung.

Ich sags gleich, ich war enttÀuscht.

Ich dachte wÀhrend des Films, das ist doch keine Dokumentation, das ist ein Werbefilm. Alles war sehr gewollt. Wir sahen eine schwer erkrankte Frau aus dem Kiez, die ganz viele Freunde hatte, und einen Bestatter, der voller Empathie fast in sie hinein kroch. Wir sahen eine Bestattung, an der der halbe Kiez teilnahm.

Irgendwie alle KĂŒnstler, alle cool und voller Empathie, reflektiert und jeder sagt das Richtige zum richtigen Zeitpunkt.
Im Film kommt der Satz „Der Tod ist ein Arschloch” tatsĂ€chlich vor. Wir sehen eine Bestatterin, die ihre Urnen im Schaufenster zurecht rĂŒckt und einem Blick in die vermeintliche Ferne schweifen lĂ€sst  (der Blick besteht zu 25 % aus Weisheit, 12 % Verzweiflung, 25 % Grundoptimismus, 28 % SpiritualitĂ€t und 10 % Empathie) und dann sagt sie eben jenen Satz.

Ich fĂŒhle mich durch den Filmtitel belĂ€stigt, warum Arschloch? Marketing?
Ich habe den Regisseur nach dem Film darauf angesprochen, und er hat zugegeben, ja den Satz lÀsst er die Protagonistin sagen, und ja, die Provokation ist Teil des Marketing.

Ich halte das fĂŒr eine unnötige Provokation, der Tod ist in seiner Gewissheit, seiner LĂ€nge (die Ewigkeit?) und intransparenz (fĂŒr uns Lebenden) doch schon Provokation genug.

Ja, ĂŒberall. Fast alle Bestatter, mit denen ich bislang zu tun hatte, waren mit Herzblut dabei, sind echte Typen, empathisch und bereit, fĂŒr Ihre Klienten die Extra-Meile zu gehen.

Mir scheint die Frage interessant, was ist, wenn der oder die Tote ein Arschloch war. Interessant wir mildern hier die grammatikalische Form der vollendeten Vergangenheit wirkt. Wer ein Arschloch im Leben war, ist es im Tod offenbar nicht mehr.

Das Plusquamperfekt als Mediator.

Wobei das mit dem Arschloch nicht meine Wortwahl wÀre, nicht nur wegen des analen Kraftausdruckes, sondern wegen seiner Absolutheit.
Wenn ich mich umschaue, und dabei den Spiegel nicht ignoriere, gehe ich davon aus, dass wir alle Teilzeit-Deppen sind, aber auch Teilzeit-Genies. Klar es gibt da unterschiedliche Teilzeit-Vereinbarungen.

Doch was ist, wenn ich als Trauerredner im GesprÀch mit Angehörigen, mit Hinterbliebenen erfahre, dass der Tote viele Verletzungen verursacht hat, nicht gut mit sich, dem Leben und den Menschen um ihn herum umgegangen ist.

Was dann?

Auf keinen Fall sich dem Klischee hingeben, dass nirgends so viel gelogen wird wie auf Beerdigungen.

Zu diesem Klischee kam es durch den antiken Leitsatz.  „De mortuis nil nisi bene” – „Über die Toten soll man nur Gutes sagen“. Das prĂ€gt unsere Trauerkultur bis heute.

Die Pfarrer behelfen sich dann damit, dass der Anteil der Psalmen eben etwas höher wird. Ich bin zur Einsicht gekommen, dass die schwierigen FÀlle eine gute Schule sind. 

Die schwierigen FĂ€lle zwingen uns, genauer hinzusehen. Wir loben, wir wĂŒrdigen und wir wertschĂ€tzen. Eigentlich könnten wir das ja auch mal mit Menschen probieren, die noch gar nicht tot sind.Denn das ist das Schöne im Glauben der NichtglĂ€ubigen. Wir glauben an ein Leben vor dem Tod.